Tastenlöwen, Hexer und Piraten

Konzert in der Johanniskirche, 24.01.2010

Lesen Sie auch die Seite mit dem zugehörigen Konzertprogramm, sowie die Rezension im Mannheimer Morgen.

Es ist noch nicht lange her, dass man in Westeuropa zu wissen glaubte, was man von Pianisten jenseits von Brest-Litowsk zu halten habe: Die „Russische Schule“ sei durch ein Übermaß an Gefühlsseligkeit charakterisiert, ostasiatische Provenienz hingegen stehe umgekehrt für Mangel an Ausdruck. Natürlich mussten solche Klischees immer auch als Vorwände für Konkurrenzneid und Kulturchauvinismus herhalten, im „globalisierten“ 21. Jahrhundert kommt ihnen zudem noch jeglicher Anschein der Berechtigung vollends abhanden.

Selten wird dies so prägnant illustriert wie in unserem Konzert, das aus beiden Dunstkreisen je einen Klavier-Solisten aufbot. Beide studieren an der Mannheimer Musikhochschule, haben aber ihre Prägung im Heimatland erhalten.

Bild aus der o.g. Rezension © Mannheimer Morgen

Stanislav Novitskiy aus Almaty (heute Kasachstan, 1988 noch Sowjetunion) steuerte Franz LisztsPhantasie über ungarische Volksmelodien“ bei, ein Stück, dessen erstes programmatisches Attribut „virtuos“ lautet. Genauer gesagt, wollten Liszt und sein Widmungsträger Hans von Bülow die Grenzen des technisch Möglichen ausloten und demonstrieren. Novitskiy bleibt diesem Anspruch kein Jota schuldig, serviert vielmehr jede Pointe mit Kusshand und, wie wir in den Proben merkten, beliebig reproduzierbar. Derartige technische Perfektion ist heutzutage für angehende Berufspianisten Standard (noch mehr als bei anderen Instrumentalisten), was insofern wieder schade ist, als die durchaus fällige Bewunderung zwangsläufig zur Routine wird.

Ungarische Folklore hat die Eigenheit, flotte Tanzrhythmen in unmittelbaren Kontrast zu sehr langsamen Passagen zu setzen, in denen frei mit dem Tempo umzugehen ist. Liszt kostet alle Aspekte der Gattung aus und schreibt gegebenenfalls sehr viele sehr kleine Notenwerte seinem Solisten vor, der ein Über-Cymbalom zu imitieren hat. Nun lässt Novitskiy den Effekt durchaus glänzen, verweigert aber komplett die oft damit assoziierte Operetten-Sentimentalität. Die Idee vom Tastenlöwen bedient er nicht im herkömmlichen Sinne von Willkür und Berserkertum, sondern durch hochdisziplinierte Kraft und Eleganz (und vielleicht noch durch seine rostfarbene Haar- und Barttracht—bitte den Real-Kalauer zu entschuldigen).

Der zweite Pianist des Nachmittags, der Koreaner Sung-Suk Ko, stellte sich mit Griegs Klavierkonzert eine ganz andere Aufgabe: Hier geht es um pure Emotion in der Nachfolge der Romantiker. Der Solist dreht damit bis zum Anschlag auf und lässt keine Gelegenheit zum Rubato aus, extrem, aber der Komposition angemessen. Die von früheren Pianistengenerationen bekannte Unsitte des Verhuschens und Verschwimmens im Pedalsee, als „romantisch“ missverstanden, ist heutzutage allerdings tabu. Sung-Sok umgeht sie konsequent und erfolgreich; in Sachen technischer Brillanz steht er seinem Vorgänger nicht nach. Dass er an der hiesigen Musikhochschule von dem Pianisten-Ehepaar Ok-Hi Lee und Rudolf Meister betreut wird, ist zum Stichwort „Konvergenz der Kulturkreise“ erwähnenswert.

Übrigens haben wir diesen Programmpunkt samt Solisten aus dem Konzert vom 05.07.2009 übernommen, wegen der Begeisterung aller Beteiligten, vor allem des Publikums. Dank weiterer Proben konnte das Orchester noch entspannter musizieren, und die vorteilhafte Akustik der Johanniskirche (im Gegensatz zur heiklen Konkordienkirche) tat ein Übriges, dass die Aufführung als besonders gelungen empfunden wurde. Diejenigen Zuhörer freilich, die den Löwen zu nahe gekommen waren, mussten in Kauf nehmen, das Orchester im Vergleich zu deren Gebrüll nur als sanften Savannenwind wahrzunehmen.

Film ab!

Mit einem Block Filmmusik haben wir nach der Pause unser Markenzeichen früherer Jahre wieder aufgenommen. Diesmal bestand kein gar so großer Kontrast, denn alle im Konzert vertretenen Komponisten liegen in verwandten Traditionslinien, was Stilmittel und Ausdrucksästhetik anbelangt. John Williams, der die Musik für „Harry Potter“ geschrieben hat, huldigt einem verspielten Eklektizismus. Ungebrochen Gefühlsseliges wechselt sich mit ausgesprochen Skurrilem ab, und das Horror-Genre ist natürlich ebenfalls nicht weit. Den Untertitel unseres Materials, „Symphonic Suite“, nehmen wir dahingehend wörtlich, dass wir es en suite spielen: Im kommenden Sommersemester planen wir wieder einen anderen Ausschnitt aus dem umfangreichen Konvolut. Das entspricht dem Wunsch einiger Orchestermitglieder, die zur Begründung anführten, hier dominiere wenigstens nicht überall die Blechbläserfraktion …

… im Gegensatz nämlich zu der anderen umfangreichen Filmmusik des Abends, „Pirates of the Caribbean“, im deutschen Sprachraum als „Fluch der Karibik“ berühmt. Der Komponist Hans Zimmer bewegt sich gekonnt auf eher ausgetretenen Pfaden, verglichen mit Williams. Die parodistische Verve des Films finden wir an einigen Stellen wieder, ansonsten handelt die Musik genrekonform von lauernden Gefahren in tropischer Schwüle, rohem Getümmel und schmissigen Fecht-Orgien. Die durchaus abwechslungsreichen Teile sind kompositorisch solide gearbeitet und bringen den jeweiligen Szenen-Charakter präzise auf den Punkt. Fluchwürdige Glissandi, wie sie mir mein Hornlehrer mühsam abtrainiert hat, sind hier vielfach vorgeschrieben; ja, wir durften sogar vokal geisterhaft grölen in der Nachfolge von Richard Wagners „Holländer“-Mannschaft. Im Publikum konnte man sich lustvoll „erschlagen“ fühlen.

Filmmusik im Konzertsaal ist immer ein ästhetischer Balanceakt, auch für die routinierten Arrangeure der amerikanischen Musikverlage. Sie müssen nicht nur den einen oder anderen exotischen Klangeffekt des Originals durch Orchesterinstrumente nachbilden; vor allem fällt ihnen die schwierige Aufgabe zu, Bruchstücke aus dem „Soundtrack“ in einen neuen Sinnzusammenhang zu stellen. Anders gesagt, gilt es, sowohl die Filmfans als auch die Konzertgourmets zu füttern. Da wir über sehr viel Notenmaterial verfügen, ein „Sequel“ nach dem anderen, können und müssen sich zudem unsere Dirigenten solche Teile heraussuchen, die von uns besonders günstig darstellbar sind. Gerd Weber nahm auch in dieser Beziehung seine Verantwortung wahr und kommunizierte erfreulicherweise darüber mit dem Orchester. Ob eine Reihung schließlich als musikalisch begründet wirkt, ist oft Geschmackssache. Die (zu meiner Überraschung zahlreich anwesenden) Filmkenner spulen einfach ihr Hirnkino vor, während Kultursnobs die „Ästhetik der Collage“ bemühen. Das Resultat jedenfalls hat allseits überzeugt und großen Spaß gemacht, soweit ich vernommen und gelesen habe.

A.S.